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...über mich hinaus schauen

Paulus hat ein Problem. Er hat was vor – und er weiß nicht, wie er es hinbekommen soll.

Das liegt nicht unbedingt an ihm selbst. Die Bedingungen sind schwierig. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Er will seinen Weg machen, er reist zu den jungen christlichen Gemeinden rund um das Mittelmeer. In den jungen Gemeinden scheint etwas Neues aufzubrechen. Paulus liegt viel daran – anderen gefällt das aber nicht.

Das kennen Sie vielleicht auch: Man hat Ideen, will was Neues aufbauen, reißt sich beinahe ein Bein aus, verbreitet Begeisterung für ein Projekt, lädt ein, erklärt – und dann gibt es welche, die alles besser wissen: „Nein, so geht das aber nicht!“ Mitten in schöner Fahrt wird man ausgebremst und klappt vor Ärger und Enttäuschung zusammen.

Wer waren die Leute, die Paulus „ausbremsten“? Es waren die Christen in Jerusalem. Die waren von Anfang an dabei, bei der Christenheit. Die wussten, wie der Hase läuft, die hatten das Monopol, die hatten den rechten Glauben, die waren vorher schon gläubige Menschen, sie kannten Gott schon von der Pike auf. Was ja nicht schlecht war, aber an einer Stelle wollten sie nicht mit Paulus mitziehen: Der bereiste weite Länder, wo es kaum gläubige Leute gab.

Paulus hatte eine ganze Menge Ärger mit den Jerusalemern. Nach endlosen Diskussionen gab es eine Art Kompromiss. Paulus sollte reisen dürfen, Mission treiben unter den „Ungläubigen“, als Ausgleich aber jedes Mal eine Kollekte sammeln und sie den Jerusalemern in die Kasse bringen.

Solche Kompromisse kennen Sie vielleicht auch: Kannst ja offene Jugendarbeit machen, wie du willst, aber... Guck mal, ob du dabei nicht auch ein paar Kirchenmitglieder gewinnst. Da muss doch was Abrechenbares herauskommen. Ergebnisse und Zahlen wollen wir sehen. Oder: Was, du willst eine Jugendfeuerwehr im Ort haben? Lohnt sich das denn überhaupt? Ist auf die Leute Verlass und wer soll das machen? Jetzt kommt der Unterschied zwischen Paulus und vielen anderen: Paulus hat wegen dieser Nörgler und faulen Kompromisse nicht enttäuscht aufgegeben, hat auch nicht den entsprechenden Gemeindevorstand lauthals beschimpft, sondern tief durchgeatmet und sich wahrhaft christlich verhalten: hat verziehen und hat verstanden. Er hat nach vorn geschaut und sich darauf besonnen, was ihm über diese Enttäuschung hinweggeholfen hat: auf seinen Glauben, auf seinen Gott.

„Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt.“

Stecken wir nicht zu oft fest in dem Gedanken, dass aus Dingen, die misslingen, nichts wird? Dass Tiefschläge und Enttäuschungen das Leben nur verderben?

Paulus atmet tief durch und besinnt sich auf seinen bisherigen Weg und auf das, was er erreichen möchte.

Worauf besinnen wir uns in solchen Situationen? Kann es sein, dass an solchen Stationen der Enttäuschung die Besinnung auf den bisherigen Weg und Einhalten im Lauf auch einmal gut tun kann und wir dabei neue Kraft gewinnen?

Paulus schaut zurück und sieht sein Leben gehalten von der Liebe Gottes. Und er schaut nach vorn und vertraut darauf, dass Gott auch in Zukunft Gutes mit ihm vorhat. Er vertraut darauf, dass sich hinter den so hohen Problembergen wieder die Weite der Ebene öffnen wird. Er spürt sein Vertrauen.

Paulus hat zwar ein Problem. Aber er vertraut darauf, dass es mehr gibt als die Nörgler. Er entdeckt, dass es auch mehr gibt als nur seinen eigenen Blick auf die unmittelbar schwierige Situation.

Das könnte ich mir doch an diesem Wochenende einmal vornehmen: Mal über mich hinausschauen. Mal heute versuchen, mehr zu sehen als das eigene Elend oder die Enttäuschung oder das misslungene Projekt. Das könnte ich mir vornehmen, mehr zu sehen – mit den Augen Gottes sozusagen. Und so erfahren, dass vor und nach dieser Enttäuschung oder dem misslungenem Projekt noch so viel mehr an Glück und Leben und Liebe erfahrbar gewesen sind und auch wieder erfahrbar werden. Einmal tief durchatmen – einen langen Atem gewinnen und es wie Paulus versuchen: Mal sehen, ob nicht auch die schwierige Lage zum Ende „zum Guten führt“. Was nicht heißen muss, jeden Kompromiss einzugehen. Es genügen ein winziger Funke und eine Begegnung mit einem Menschen, der mich ermutigt, es doch wieder neu zu probieren, es doch noch einmal neu zu beginnen.

„Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt.“

Es tut gut, so etwas zu hören.

 

M.Heimann